Institut für Religionswissenschaft

 

Evangelisch-Theologische Fakultät

Dr. phil. Dipl. theol. Anne Koch

 

Institut für Religionswissenschaft der LMU

Schellingstr. 3     80799 München

 

 

 

 

München, 3.3.2004

 

 


 

 

Gutachten

 

 

 

 

Seit den sechziger Jahren ist die religiöse und spirituelle Landschaft in Deutschland in starkem Wandel begriffen. Vielfältige neue und  alte, weltanschauliche und religiöse Angebote beherrschen den „Markt der Religionen“.

Einen gesetzlichen Rahmen des Wirkens dieser sogenannten Neuen Religiösen Bewegungen zu stecken, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der Religionswissenschaftler wesentlich neben dem Gesetzgeber und den Vertretern der Interessensgruppen mitwirken.

Dieses Gutachten prüft unter religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten das Selbstverständnis der White Eagle Lodge als einer Religionsgemeinschaft.

Problemstellung

 

Das Gutachten prüft auf der Grundlage

-          des Endberichts der Enquête-Kommission des Dt. Bundestages „Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland“ (1998) und seiner Handlungsempfehlungen,

-          der Europäischen Religionsgeschichte,

-          von Veröffentlichungen der White Eagle Lodge und mehrerer Gespräche der Gutachterin mit Frau Annemarie Libera, Vorstand des WE, sowie eines Besuchs der Geschäftsräume in Germering.

 

Quellen

 

Der WE steht im Einklang mit abendländischen Kulturauffassungen.

  1. Historisch hat es zu jeder Zeit im Abendland bis heute einen Strang von sogenannten esoterischen Traditionen neben dem Christentum gegeben, z.B. Hermetik, Neoplatonismus, Theosophie. Die Vorstellungsinhalte des WE speisen sich aus verschiedenen religiösen Traditionen, aus im genannten Sinne esoterischen und christlichen.

Durch die Gründerin Grace Cooke werden Einflüsse des Spiritismus mit christlicher Botschaft und indianischer Weisheit verbunden. Das Anknüpfen an das christliche Johannesevangelium (christliches Symbol des Evangelisten ist der weiße Adler) und den indianischen Häuptling White Eagle („Weißer Adler“) ist eine für Religionen typische Vergangenheitsbildung zum Zweck der eigenen Legitimierung. Im britischen Spiritismus war Cooke ein Medium, das von White Eagle das für die Lodge konstitutive Sonderwissen erhielt.

 

Der WE ist als Religionsgemeinschaft organisiert.

  1. Religionssoziologisch ist der WE keine Jugendreligion. Er ist frei zugänglich und vermittelt im Unterschied zu manchen anderen esoterischen Traditionen kein Geheimwissen oder Grade der Initiation. Er ist institutionalisiert als Verein und kennt das geistliche Amt des Heilsdieners/-dienerin. In Deutschland unterhält er bislang keinen Tempel, sondern lediglich in Germering Geschäftsräume mit einem Gottesdienstraum.
  2. Auch funktional ist WE eine Religionsgemeinschaft, insofern er in der Pluralität der Optionen modernen Lebens ein integratives Lebensbewältigungsmuster vermittelt.
  3. Gottesdienst und Meditation, Gebet und Heilung sind die Hauptvollzugsformen des WE. Dieses kultische Handeln unterscheidet die Gruppierung von einer allgemeinen Lebensphilosophie und ist typisch für eine religiöse Vereinigung.
  4. Die Form einer „Lodge“ (Bruderschaft) ist eine Übertragung des christlichen Begriffs der Gotteskindschaft. Hinzu kommt die nicht-christliche Überzeugung von der Geistnatur der Welt. Sie ermöglicht den Gedanken eines kosmischen Christus, der in der Geistnatur jedes Menschen weiter scheint und alle Menschen somit zu Brüdern, Schwestern und Kindern Gottes macht.

Aus der Geistbeschaffenheit der Welt erklärt sich auch die Vorstellung von geistigen Zwischenwesen im Naturreich und die Rede von einer Wiedergeburt aufgrund einer Kontinuität geistiger Energie.

 

Der WE wirkt caritativ.

  1. Die Enquête-Kommission des Bundestages zu Neuen Religiösen Gruppierungen sieht Gemeinnützigkeit gegeben, wenn die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos gefördert wird (vgl. Abgabenordnung § 52).

Sie sieht weiterhin einen Vorteil in der Anerkennung der Gemeinnützigkeit von Religionsgemeinschaften durch die damit gebotene Möglichkeit zur Kontrolle und empfiehlt, diese auszuschöpfen.

  1. Die Lehre der WE zielt nicht auf ökonomische Gewinnerzielung. Es konnte weder eine Beeinflussung der persönlichen Freiheitssphären von Mitgliedern noch von Nichtmitgliedern (z. Bsp. Heilungssuchende, Besucher von Gottesdiensten) entdeckt werden. Es waren - abgesehen von der vereinsrechtlich üblichen Beitragszahlungspflicht für Vereinsmitglieder – keine wirtschaftlichen oder persönlichen Zwänge auf diese Personenkreise erkennbar.  Charakteristisch für die Lodge ist ein Ethos des Dienens. Zur Geschwisterlichkeit wird aufgerufen. Jeder Mensch, der es wünscht, kann Anleitung und Unterstützung zu einem heilvollen Weg erhalten.

 

Der WE stimmt mit den Grundüberzeugungen des Grundgesetzes überein.

  1. Unter den Handlungsempfehlungen der erwähnten Bundestagskommission heißt es zum Vereins- und Steuerrecht, dass das Wirken der Religionsgemeinschaft nicht gegen das Grundgesetz gerichtet sein darf und die „Begünstigung von Vereinen, z.B. durch Anerkennung der steuerrechtlichen Gemeinnützigkeit, ein Mindestmaß an Verfassungs- und Rechtstreue voraussetzt“  (S. 297-298).
  2. Der WE führt keine politischen Ziele an. Die Lehre des WE nimmt weder Einfluss auf staatliche Institutionen noch auf Staatsprinzipien der verfassungsrechtlichen Ordnung wie Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit. Nächstenliebe und Gottes- und Selbsterkenntnis stehen im Zentrum. Sie sind Ziel der Meditation und des Heilens.

 

Argumentation

 

Der White Eagle Centre Deutschland e.V. ist daher und aufgrund der inhaltlichen Prägung durch Elemente der Europäischen Religionsgeschichte und der kultischen Aktivität unter religionswissenschaftlicher Begutachtung als Religionsgemeinschaft zu bezeichnen.

 

Ergebnis

 

 

Gez.: Dr. Anne Koch

 

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